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Auf die Postille gebückt, zur Seite des wärmenden Ofens,
Saß der redliche Tamm in dem Lehnstuhl, welcher
mit Schnizwerk, Und braunnarbigem Jucht voll schwellender Haare,
geziert war: Tamm, seit vierzig Jahren in Stolp, dem gesegneten
Freidorf,
Organist, Schulmeister zugleich, und ehrsamer Küster; Der
fast allen im Dorf, bis auf wenige Greise der Vorzeit, Einst
Taufwasser gereicht, und Sitte gelehrt und Erkenntnis, Dann zur
Trauung gespielt, und hinweg schon manchen gesungen. Oft nun
faltend die Händ', und oft mit lauterem Murmeln,
Las er die tröstenden Sprüch' und Ermahnungen. Aber
almählich Starrte sein Blick, und er sank in erquickenden
Mittagsschlummer. Festlich prangte der Greis in gestreifter
kalmankener Jacke; Und bei entglittener Brill' und silberfarbenem
Haupthaar Lag auf dem Buche die Müze von violettenem Sammet,
Mit Fuchspelze verbrämt, und geschmückt mit goldener Troddel.
Denn er feierte heute den siebzigsten frohen
Geburtstag, Froh des erlebeten Heils. Sein einziger Sohn
Zacharias, Welcher als Kind auf dem Schemel geprediget, und, von
dem Pfarrer Ausersehn für die Kirche, mit Noth vollendet die
Laufbahn,
Durch die lateinische Schul', und die theuere Akademie
durch: Der war jezt einhellig erwähleter Pfarrer in
Merliz, Und seit kurzem vermählt mit der wirtlichen Tochter des
Vorfahrs. Fernher hatte der Sohn zur Verherlichung seines
Geburtstags Edlen Toback mit der Fracht und stärkende Weine
gesendet,
Auch in dem Briefe gelobt, er selbst und die freundliche
Gattin: Hemmeten nicht Hohlweg' und verschneiete Gründe die
Durchfahrt, Sicherlich kämen sie beide, das Fest mit dem Vater zu
feiern, Und zu empfahn den Segen von ihm und der würdigen
Mutter. Eine versiegelte Flasche mit Rheinwein hatte der
Vater
Froh sich gespendet zum Mahl, und mit Mütterchen auf die
Gesundheit Ihres Sohns Zacharias geklingt, und der freundlichen
Gattin, Die sie so gern noch sähen und Töchterchen nennten, und
bald auch Mütterchen, ach! an der Wiege der Enkelin, oder des
Enkels! Viel noch sprachen sie fort von Tagen des Grams und der
Tröstung,
Und wie sich alles umher auflös' in behagliches
Alter: „Gutes gewollt, mit Vertraun und Behaglichkeit, führet
zum Ausgang! Solches erfuhren wir selbst, du trauteste; solches
der Sohn auch! Hab' ich doch immer gesagt, wenn du weinetest:
Frau, nur geduldig! Bet' und vertrau! Je größer die Noth, je
näher die Rettung!
Schwer ist aller Beginn; wer getrost fortgehet, der kommt
an!“ Feuriger rief es der Greis, und las die erbauliche
Predigt Nach, wie den Sperling ernähr' und die Lilie kleide der
Vater. Doch der balsamische Trank, der altende, löste dem
Alten Sanft den behaglichen Sinn, und duftete süße
Betäubung.
Mütterchen hatte mit Sorg' ihr freundliches Stübchen
gezieret, Wo von der Schule Geschäft sie ruheten und mit
Bewirtung Rechtliche Gäst' aufnahmen, den Prediger, und den
Verwalter; Hatte gefegt und geuhlt und mit feinerem Sande
gestreuet, Reine Gardinen gehängt um Fenster und luftigen
Alkov,
Mit rothblumigem Teppich gedeckt den eichenen Klapptisch, Und
das bestäubte Gewächs am sonnigen Fenster gereinigt, Knospende
Ros' und Levkoj' und spanischen Pfeffer und Goldlack, Samt dem
grünenden Korb Maililien hinter dem Ofen. Ringsum blinkten
gescheurt die zinnernen Teller und Schüsseln
Auf dem Gesims'; auch hingen ein Paar stettinische
Krüge, Blaugeblümt, an den Pflöcken, die Feuerkieke von
Messing, Desem und Mangelholz, und die zierliche Elle von
Nußbaum. Aber das grüne Klavier, vom Greise gestimmt und
besaitet, Stand mit bebildertem Deckel, und schimmerte; unten
befestigt
Hing ein Pedal; es lag auf dem Pult ein ofnes
Choralbuch. Auch den eichenen Schrank mit geflügelten Köpfen und
Schnörkeln, Schraubenförmigen Füßen und Schlüsselschilden von
Messing (Ihre selige Mutter, die Küsterin, kauft' ihn zum
Brautschaz) Hatte sie abgestäubt und mit glänzendem Wachse
gebonet.
Oben stand auf Stufen ein Hund und ein züngelnder Löwe, Beide
von Gyps, Trinkgläser mit eingeschliffenen Bildern, Zween
Thetöpfe von Zinn, und irdene Tassen, und Äpfel. Als sie den
Greis wahrnahm, wie er ruht' in athmendem Schlummer; Stand das
Mütterchen auf vom binsenbeflochtenen Spinnstuhl,
Langsam, trippelte dann auf knirrendem Sande zur
Wanduhr Leis', und knüpfte die Schnur des Schlaggewichts an den
Nagel, Daß ihm den Schlaf nicht störte das klingende Glas und der
Kukuk. Jezo sah sie hinaus, wie die stöbernden Flocken am
Fenster Rieselten, und wie der Ost dort wirbelte, dort in den
Eschen
Rauscht', und die Spuren verwehte der hüpfenden Krähen am
Scheunthor. Lange mit ernstem Gesicht, ihr Haupt und die Hände
bewegend, Stand sie vertieft in Gedanken und flisterte halb, was
sie dachte: „Lieber Gott, wie es stürmt und der Schnee in den
Gründen sich aufhäuft! Armer, wer jezt auf Reisen hindurch muß,
ferne der Einkehr!
Auch wer, Weib zu erwärmen und Kind, auswandert nach
Reisholz, Hungrig oft und zerlumpt! Kein Mensch wohl jagte bei
solchem Wetter den Hund aus der Thüre, wer seines Viehs sich
erbarmet! Dennoch kommt mein Söhnchen, das Fest mit dem Vater zu
feiern! Was er wollte, das wollt' er, von Kind auf! Gar zu
besonders
Wühlt mir das Herz! Und seht, wie die Kaz' auf dem Tritte des
Tisches Schnurrt, und das Pfötchen sich leckt, auch Bart und
Nacken sich puzet! Das bedeutet ja Fremde, nach aller
Vernünftigen Urtheil!“ Sprachs, und trat an den Spiegel, die
festliche Haube zu ordnen, Welche der Vater verschob, mit dem Kuß
ausgleichend den Zwiespalt;
Denn er leerte das Glas auf die Enkelin, sie auf den
Enkel. Nicht ganz schäme sich meiner die Frau im modischen
Kopfzeug! Dachte sie leis' im Herzen, und lächelte selber der
Torheit. Neben dem schlummernden Greis', an der anderen Ecke
des Tisches, Deckte sie jezo ein Tuch von feingemodeltem
Drillich,
Stellete dann die Tassen mit zitternden Händen in
Ordnung; Auch die blechene Dos', und darin großklumpigen
Zucker, Trug sie hervor aus dem Schrank, und scheuchte die
sumsenden Fliegen, Die ihr Mann mit der Klappe verschont zur
Wintergesellschaft; Auch dem Gesims' enthob sie ein paar
Thonpfeifen mit Posen,
Grün und roth, und legte Toback auf den zinnernen
Teller. Als sie drinnen nunmehr den Empfang der Kinder
bereitet, Ging sie hinaus vorsichtig, damit nicht knarrte der
Drücker. Aus der Gesindestube darauf, vom rummelnden
Spulrad, Rief sie, die Thür' halb öfnend, Marie, die geschäftige
Hausmagd,
Welche gehaspeltes Garn von der Wind' abspulte zum
Weben, Hastiges Schwungs, von dem Weber gemahnt, und eigenem
Ehrgeiz. Heiser ertönt der Ruf; und gehemmt war plötzlich der
Umschwung: „Flink, lebendige Kohlen, Marie, aus dem Ofen
gescharret, Dicht an die Platte der Wand, die den Lehnstuhl
wärmet im Rücken;
Daß ich frisch (denn er schmeckt viel kräftiger) brenne den
Kaffe. Heize mit Kien dann wieder und Torf, und büchenem
Stammholz, Ohne Geräusch, daß nicht aus dem Schlaf aufwache der
Vater. Sinkt das Feuer in Glut, dann schiebe den knorrigen Kloz
nach, Der in die Nacht fortglimme, dem leidigen Froste zur
Abwehr,
Siebzigjährige sind nicht Fröstlinge, wenn sie im Sommer Gern
an der Sonn' ausruhn, und am wärmenden Ofen im Winter. Auch für
die Kinderchen wohl brauchts gründliche Wärme zum
Aufthaun.“ Und der Ermahnenden folgte Marie, und sprach im
Herausgehn: „Barsch durchkältet der Ost; wer im Sturm lustreiset,
ist unklug;
Nur ein wähliges Paar, wie das unsrige, dammelt hindurch
wohl. Wärmenden Trank auch bracht' ich den Kälberchen heut und
den Milchkühn, Auch viel wärmende Streu in das Fach. Schönmädchen
und Blüming Brummten am Trog, und leckten die Hand und ließen
sich kraueln.“ Sprach's; und sobald sie dem Ofen die
funkelnden Kohlen entscharret,
Legte sie Feurung hinein, und weckte die Glut mit dem
Blasbalg, Hustend, und schimpfte den Rauch, und wischte die
thränenden Augen. Ämsig stand an dem Heerde das Mütterchen,
brannte den Kaffe Über der Glut in der Pfann', und rührte mit
hölzernem Löffel: Knatternd schwizten die Bohnen, und bräunten
sich; während ein dicker
Duftender Qualm aufdampfte, die Küch' und die Diele
durchräuchernd. Sie nun langte die Mühle herab vom Gesimse des
Schornsteins, Schüttete Bohnen darauf, und fest mit den Knieen
sie zwängend, Hielt sie den Rumpf in der Linken, und dreht' in
der Rechten den Knopf um; Oft auch hüpfende Bohnen vom Schooß
haushälterisch sammelnd,
Goß sie auf graues Papier den grobgemalenen Kaffe. Plötzlich
hemmte sie nun die rasselnde Mühl' in dem Umlauf, Und zu Marie,
die den Ofen verspündete, sprach sie gebietend: „Eile, Marie,
und sperre den wachsamen Hund in das Backhaus; Daß, wenn der
Schlitten sich naht, das Gebell nicht störe den Vater.
Denkt auch Thoms an die Karpfen für unseren Sohn und den
Pastor, Der uns zu Abend beehrt, ihr Lieblingsessen von
Alters? Hol' er vor dunkeler Nacht; sonst geht ihm der kizliche
Fischer Schwerlich zum Hälter hinab. Aus Vorsicht bring' ihm den
Beutel. Wenn er auch trockenes Holz für die Bratgans, die wir
gestopfet,
Splitterte! Bring' ihm das Beil, und bedeut' ihn. Dann im
Vorbeigehn Steig' auf den Taubenschlag, und sieh', ob der
Schlitten nicht ankommt.“ Kaum gesagt; so enteilte Marie, die
geschäftige Hausmagd, Nehmend von rußichter Mauer das Beil und
den maschigen Beutel; Lockte den treuen Monarch mit
Geburtstagsbrocken zum Backhaus,
Fern an den Garten hinab, und schloß mit der Krampe den
Kerker. Anfangs krazte der Dogg', und winselte; aber sobald
er Wärme roch vom frischen Gebäck des festlichen
Brotes, Sprang er behend auf den Ofen, und streckt' ausruhende
Glieder. Jene lief in die Scheune, wo Thoms mit gewaltiger
Arbeit
Häckerling schnitt, denn ihn fror! und sie sagt' in der Eile den
Auftrag: „Splittere Holz für die Gans, und hol' in dem Beutel
die Karpfen, Thoms, vor dunkeler Nacht; sonst geht dir der
kizliche Fischer Schwerlich zum Hälter hinab, troz unserem Sohn
und dem Pastor!“ Thoms antwortete drauf, und stellte die
Häckerlinglad' hin:
„Splitter, Marie, und Karpfen verschaff' ich dir, früher denn
noth ist. Wenn an dem heutigen Tage sich kizelich zeiget der
Fischer, Treib' ich den Kizel ihm aus; und bald ist der Hälter
geöfnet!“ Also der rüstige Knecht; da rannte sie durch das
Gestöber, Stieg auf den Taubenschlag, und pustete, rieb sich die
Hände,
Steckte sie unter die Schürz', und schlug sich über die
Schultern. Als sie mit schärferem Blick in des Schnees
umnebelnden Wirbeln Spähete; siehe da kams mit verdecktem Gestühl
wie ein Schlitten, Welcher vom Berg' in das Dorf herklingelte.
Schnell von der Leiter Stieg sie herab, und brachte der ämsigen
Mutter die Botschaft,
Welche der Milch abschöpfte den Rahm zu festlichem
Kaffe. „Mutter, es kommt wie ein Schlitten; ich weiß nicht
sicher, doch glaub' ich!“ Also Marie; da verlor die erschrockene
Mutter den Löffel; Unter ihr bebten die Knie'; und sie lief mit
klopfendem Herzen, Athemlos; ihr entflog im hastigen Lauf der
Pantoffel.
Jene lief zu der Pfort' und öfnete. Näher und näher Kam das
Gekling', und das Klatschen der Peitsch' und der Pferde
Getrampel. Nun, nun lenkten herein die mutigen Ross' in den
Hofraum, Blankgeschirrt; und der Schlitten mit halb schon ofnem
Verdeckstuhl Hielt an der Thür', und es schnoben, beschneit und
dampfend, die Renner.
Mütterchen rief „Willkommen! daher: Willkommen, ihr
Kindlein! Lebt ihr auch noch?“ und reichte die Händ' in den
schönen Verdeckstuhl; „Lebt in dem grimmigen Ost mein
Töchterchen?“ Dann von den Kindern, Selbst sich zu schonen,
ermahnt: „Laßt, Kinderchen!“ sprach sie; „dem Sturmwind Wehret
das Haus! Ich bin ja vom eisernen Kerne der Vorwelt!
Stets war unser Geschlecht steinalt und Verächter des
Wetters; Aber die jüngere Welt ist zart, und scheuet die
Zugluft.“ Sprachs; und den Sohn, der dem Schlitten entsprang,
umarmte sie eilig, Hüllte das Töchterchen dann aus bärenzottigem
Fußsack, Und liebkosete viel, mit Kuß und bedaurendem
Streicheln,
Zog dann beid', in der Linken den Sohn, in der Rechten die
Tochter, Rasch in das Haus, dem Gesinde des Fahrzeugs Sorge
vertrauend. „Aber wo bleibt mein Vater? Er ist doch gesund am
Geburtstag?“ Fragte der Sohn. Schnell tuschte mit winkendem
Haupte die Mutter: „Still! das Väterchen hält noch
Mittagsschlummer im Lehnstuhl!
Laß mit kindlichem Kuß dein junges Gemahl ihn erwecken; Dann
wird wahr, daß Gott im Schlafe die Seinigen segnet!“ Sprachs,
und führte sie leis' in der Schule gesäubertes Zimmer, Voll von
Tisch und Gestühl, Schreibzeug und bezifferten Tafeln: Wo sie an
Pflöck' aufhängte die nordische Wintervermummung,
Mäntel, mit Flocken geweißt, und der Tochter bewunderten
Leibpelz, Auch den Flor, der die Wangen geschirmt, und das
seidene Halstuch. Und sie umschloß die Enthüllten mit strömender
Thräne der Inbrunst: „Tochter und Sohn, willkommen! ans Herz,
willkommen noch Einmal! Ihr, uns Altenden Freud', in Freud' auch
altet und greiset,
Stets einmütiges Sinns, und umwohnt von gedeihenden
Kindern! Nun mag brechen das Auge, da dich wir gesehen im
Amtsrock, Sohn, und dich ihm vermählt, du frisch aufblühendes
Herzblatt! Armes Kind, wie das ganze Gesicht roth glühet vom
Ostwind! O du Seelengesicht! Denn ich duze dich, weil du es
foderst!
Aber die Stub' ist warm, und gleich soll der Kaffe bereit
sein!“ Ihr um den Nacken die Arme geschmiegt, liebkoste die
Tochter: „Mutter, ich duze dich auch, wie die leibliche, die mich
gebohren; Also geschahs in der Bibel, da Herz und Zunge vereint
war; Denn du gebahrst und erzogst mir den wackeren Sohn
Zacharias,
Der an Wuchs und Gemüt, wie er sagt, nachartet dem
Vater. Mütterchen, habe mich lieb; ich will auch artiges Kind
sein. Fröhliches Herz und rothes Gesicht, das hab' ich
beständig, Auch wenn der Ost nicht weht. Mein Väterchen sagte mir
oftmals, Klopfend die Wang', ich würde noch krank vor lauter
Gesundheit.“
Jezo sagte der Sohn, sein Weib darstellend der
Mutter: „Mütterchen, nehmt sie auf Glauben. So zart und
geschlank, wie sie dasteht, Ist sie mit Leib und Seele vom
edelsten Kerne der Vorwelt. Daß sie der Mutter nur nicht das Herz
abschwaze des Vaters! Komm denn, und bring' als Gabe den
zärtlichsten Kuß zum Geburtstag.“
Schalkhaft lächelte drob, und sprach die trefliche
Gattin: “Nicht zur Geburtstagsgabe! Was besseres bring ich im
Koffer Unserem Vater zur Lust, und dem Mütterchen, ohne dein
Wissen!“ Sprachs, und faßte dem Manne die Hand; die führende
Mutter Öfnete leise die Thür', und ließ die Kinder
hineingehn.
Aber die junge Frau, voll Lieb' im lächelnden Antliz, Hüpfte
voraus, und küßte den Greis. Mit verwunderten Augen Sah er empor,
und hing in der trautesten Kinder
Umarmung.
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